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Minimum Lovable Product (MLP): das bessere MVP?

Minimum Lovable Product (MLP): das bessere MVP?

MVP? Das ist doch nichts Neues, oder? Stimmt! Für Kollegen aus der Produktentwicklung ist es mit Sicherheit schon lange in Fleisch und Blut übergegangen: das MVP, das “Minimum Viable Product”. In den letzten Jahren nutzt die zeitgenössische Produktentwicklung das MVP, um die Entwicklung an sich zu beschleunigen. Das MVP ist da das Mittel zum Zweck.

Und auch der Begriff des MLP, des “Minimum Loveable Product”, ist ebenfalls immer häufiger zu hören - oder wird bei erstmaliger Nennung plus Erklärung direkt verstanden. Dennoch gibt es immer wieder Fragen: Minimum L … what? Was sollen wir denn mit Liebe in der Produktentwicklung? Und: Sind das nicht zwei Begriffe für ein und dieselbe Bedeutung? Zeit daher ein oder zwei Augen mehr auf dieses Thema zu lenken. (Und..by the way: es gibt noch andere Definitionen wie das MMP - “Minimum Marketable Produkt” - , das MSP - “Minimum Sellable Product” - oder das MDP - “Minimum Desireable Product.” Aber..wir wollen es ja auch nicht zu verkopfen.. :-)

Das MVP: wir erinnern uns.

Populär wurde der Begriff MVP durch Eric Ries, der Gründer der LeanStart-Up Methode. Er sagt per eigener Definition:

"A Minimum Viable Product is the version of a new product which allows a team to collect the maximum amount of validated learning about customers with the least effort."

Heißt frei übersetzt: ein brauchbares Produkt mit minimalen Eigenschaften und geringem Aufwand erstellen um Nutzerfeedback zu generieren. Dieses Feedback fließt dann nahtlos und kontinuierlich in die weitere Produktentwicklung ein. Ziel ist es dabei das Produkt als lebensfähigen Wettbewerber im Markt dauerhaft zu positionieren. Der Nutzer sieht also demnach kein fertig und perfekt ausgestaltetes Produkt bei Live-Gang, sondern eine erste funktionelle Version, z.B. auch einen Prototypen oder einen Proof of Concept. Ein erfolgreiches MVP besteht also aus den Prinzipien: 1. Bauen, 2. Testen, 3. daraus Lernen und 4. das Ganze wiederholen.

Wir checken also mit einem MVP gegen, ob wir tatsächlich ein reales Problem lösen, bevor wir zuviel Zeit, Energie und Geld für ein Produkt aufbringen, das eh niemand haben will. Prinzipiell beherbergt die Entwicklung des MVP's schlicht die Balance zwischen Kostenkontrolle und dem Erfolg am Markt. Aber - moment mal… ist doch eigentlich total super und hört sich per se richtig an?! Wo liegt dann hierbei die Gefahr?

Aus Erfahrungswerten in der Produktentwicklung ist es bei einem MVP oft leider so, dass eine Investition in Benutzerfreundlichkeit und Design eher minimal gehalten wird. Warum auch - “wir wollen ja erstmal testen” und “Feedback generieren”, um “Schritt für Schritt das Produkt weiterzuentwickeln”.

O-Töne, die dem einen oder anderen bekannt sein sollten. Was passiert aber beim Nutzer, wenn er ein Produkt das erste Mal in der Hand hält und er emotional überhaupt nicht davon angesprochen wird, sich vielmehr ärgert und daraus folgend das Produkt nicht mehr benutzen möchte? Das MVP wird nutzlos, das Feedback überflüssig und trägt eventuell sogar zu einem größeren Zeit- und damit Kostenaufwand bei. Würde jetzt auch noch on top kommen (und jaaa - das passiert), dass ein Unternehmen gar nicht wahrnimmt, dass das MVP nur eine erste Stufe in der Entwicklung ist und es dies als Vorwand nimmt, um eine sinistre halbfertige Produktlösung an den Markt zu bringen um dann die Hände in den Schoß zu legen..dann kann man sich getrost vor 18 Uhr ein Bierchen gönnen und aus der Tür gehen. Bye-bye!

Ok, soweit wieder präsent? Kommen wir dann zum MLP.

Und damit zum Minimum Loveable Product. Das darin besteht eine erste Minimal-Version des Produkts so ans Tageslicht zu bringen, das der Nutzer bereits jetzt schon ein kleiner Fan des Produktes wird. Stichwort: Emotionale Kundenbindung. Das Spannende daran ist, das dies unbewußt passiert und das wiederum liegt daran, wie unsere Wahrnehmung gestrickt ist. Wir stolpern automatisch über Dinge, die sich für uns nicht direkt intuitiv, richtig oder als vielfach korrekt bestätigtes Muster anfühlen. Das bringt uns dazu in einer Millisekunde unser Gehirn zu befragen und darüber nachzudenken: sekunde, das fühlt sich nicht richtig an! Und genau hier ist der Knackpunkt: der Nutzer lernt diese Erfahrung und vergißt sie nicht. Er stempelt sie dann - je, nach seiner eigenen Persönlichkeit, Situation etc. - für sich ab.

Natürlich können auch Brüche - z.B. eine Nutzerführung, die bewußt gelernte Muster anders nutzt - grade dazu beitragen, das dies das große Aha-Erweckungserlebnis wird, das dem Nutzer im Vergleich zu anderen genutzten Produkten fehlt. Es birgt also genauso Chancen wie Risiken.

Das MLP vergrößert hier aber per se die Chance, dass der Nutzer direkt positiv am Emotions-Schopf gepackt wird und bringt ihn idealerweise dazu sich bereits jetzt schon unbewußt loyal zum Produkt aufzustellen. Das Produkt wird ins Herz geschlossen - und nicht nur zur Kenntniss genommen, dass “es da irgendwas gibt” … so wie das MVP, das zumeist die rationalen Funktionen des Produkts darstellt. Durch die Interaktion mit einem MLP erfährt der Nutzer von der ersten Sekunde an emotionale Erfahrungen, die das spätere Nutzungsverhalten sichtlich beeinflussen werden. Der MLP-Fan von heute kann also der loyale Kunde von morgen werden.

Der Kern eines MLP's ist ständig und immer den Nutzer im Zentrum der Entwicklung zu setzen. Dabei heißt ein MLP aber eben genau nicht ein voll ausdesigntes Produkt an den Markt zu bringen, sondern sich vielmehr auf den Kern zu konzentrieren und diesen so zu gestalten, dass er für den Nutzer jetzt schon intuitiv ist. Und zwar von Anfang an.

Dabei sollte man sich selber fragen: Kann ich das benutzen? Verstehe ich das, was ich da fabriziert habe? Finde ich das gut und mehr noch: bin ich selber schon begeistert davon? Auch und ganz besonders schon hier in der sehr frühen Phasen der Produktentwicklung. Ich möchte ja auch nicht, dass mein Hund (wenn ich einen hätte) in mehreren Sessions über Irokese und Vokuhila zur eigentlichen Frisur gelangt und zwischenzeitlich ganz unansehbar wird. Ich möchte natürlich schon, dass ich meinen Hund weiterhin liebhaben kann, auch wenn er noch nicht die Frisur hat, die ich eigentlich für ihn vorgesehen hatte. Aber wir lernen bei jedem Schritt für Schritt, den wir mit dem Nutzer gemeinsam gehen.

Vorteile eines MLP sind also:

  • Es erfreut den Nutzer bereits in der ersten Phase in all seinen Momenten, in denen er mit dem Produkt interagiert > Produkt knüpft emotionales Band mit Nutzer
  • Wir als Produktentwickler werden gegenüber der Vision für das Produkt verantwortungsbewußter. Wir wissen, das wir die Idee immer wieder zusammen mit dem Nutzer überprüfen müssen, um ihm die bestmögliche Erfahrung zu bieten in dem Rahmen, in dem es sich aktuell befindet.
  • Der Product Lifecycle ist nutzerorientiert - nicht featureorientiert.

Den Kern des MVP und MLP lassen sich auch ganz einfach im Kano-Modell darstellen, so wie es z.B. sumatosoft.com gemacht hat:

Was ist ein Kano-Modell? Eine Methode zur Bewertung von Produktfeatures von Noriaki Kano (einem Professor an der Universität von Tokio). Einen schönen Artikel dazu gibt es hier z.B. hier: https://www.lean-bd.de/das-kano-modell/

Nur, wenn das Produkt beim Nutzer das Gefühl erweckt es zu brauchen und es zu seinem Bedarf paßt - nur dann wandelt sich der normale Nutzer in einen Fan des Produkts und nur dann wird er mehr unbewußt mehr als zufrieden damit sein auch eventuell dafür zu bezahlen.

Noch einmal kurz gegenübergestellt:

MVP (Minimum Viable Product):

Die Idee des Produkts geht live - nicht das Produkt selbst. Damit wird geprüft, ob diese Idee tatsächlich auf dem Markt überleben kann und ob jemand ein solches Produkt benötigt. Time-to-Market ist hier mit Sicherheit am schnellsten.

MLP (Minimum Loveable Product):

Das MLP konzentriert sich wie das MVP auf die wichtigsten Funktionen, die mit minimalem Aufwand erstellt wurden. Anstatt aber nur die technischen Kernfunktionen funktional abzubilden, hebt das MLP diese schon auf ein erstes Nutzer-Emotionslevel.

Gemeinsamkeiten:

MVP und MLP zeigen nur einen Teil dessen, was zukünftig noch in der Produktentwicklung addiert wird.

Unterschiede:

MVPMLP
BedarfsorientiertBedarfsorientiert und schafft zusätzlich die emotionale Verbindung zum Nutzer
Am schnellsten realisiertSchnell realisiert, kann aber langsamer als das MVP sein
Test der Idee am MarktMarktfähig und Erinnerungswürdig
Minimaler Aufwand + minimale KostenKosten hängen von den zu entwickelten Features ab
Business-OrientiertNutzer-Orientiert

Steve Jobs sagte dazu:

"Design is not just what it looks like and feels like, design is how it works."

Wir lösen also nicht nur faktisch ein Problem (MVP) - wir begeistern auf diesem Weg noch on Top unsere Nutzer (MLP).

Das Fazit

Am Ende bleibt zu sagen: was lernen wir daraus? Wie denken wir darüber? Und: wird nicht der Begriff MVP einfach irgendwie fälschlich genutzt? Häufig macht es sich die Produktentwicklung zu einfach: dann ist ein MVP einfach der PoC oder der Prototype..oder sowas wie “das zugänglichste Nutzerszenario, damit wir überhaupt einmal irgendwie starten können, hopphop!” Aber grade so sollte nicht mit dem Markteintritt begonnen werden. Auch der MVP bietet schon die minimalste Menge von Features an, um den Nutzer in seinen Bann zu ziehen! Fügen wir das Konzept der liebevollen Aufmerksamkeit zur Produktidee hinzu…et voilà: wir haben etwas geschaffen, was sich von anderen Produkten am Markt differenziertmlp-mvp-! Das ist doch das Beste, oder?

Leider werden MVP's noch zu oft einfach dazu genutzt “etwas” an den Start zu bringen und einfach nicht weiterzuentwickeln. Oder dem Produkt nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit wie zu Beginn der Reise zu geben. “Es funktioniert ja schon irgendwie”. “Der Nutzer macht das schon”. Macht er nicht und das ist auch gar nicht seine Aufgabe, sondern unsere. Wir lösen die Herausforderungen - nicht der Nutzer!

Aber..wie dem auch sei. Wichtig ist: lasst uns Produkte mit Relevanz bauen! Fragen wir uns: welche Art an Produkt im frühen Stadium wollen wir an den Markt bringen? Wie ist der Weg, den wir von Anfang an mit dem Nutzer beschreiten und mit ihm zusammen lernen und weiterentwickeln wollen? Wir wollen ja auch schließlich selbst nicht mit etwas konfrontiert werden, was sich aufgestülpt oder halb fertig anfühlt.

In diesem Sinne: Happy Product Experience Day! Und zwar: every damn single day again!